„Wenn du das tust, gehörst du nicht dazu“ – Ein Statement zu Pampers Artikel „Kinder richtig bestrafen: Auszeiten“

Der Konzern Procter & Gamble hat diese Tage auf seiner Seite Pampers.de große Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Allerdings leider nicht im positiven Sinne. Ein dort veröffentlichter Beitrag trug den Titel „Kinder richtig bestrafen: Auszeiten“.

Worum es in diesem „Ratgeber“ ging, warum ich diesen zutiefst ablehne und du diese Erziehungsmethode dir und deinen Kindern zuliebe niemals anwenden solltest, erfährst du im Folgenden.

 

Pampers schreibt in seinem Beitrag:

Die Auszeit ist ein Zeitraum, in dem ein Kind aus der Konfliktsituation herausgenommen oder bzw. von der Versuchung ferngehalten wird. Das gibt ihm die Möglichkeit, sich zu beruhigen, sich zu sammeln, über das nachzudenken, was von ihm erwartet wird, und sich wieder in den Griff zu bekommen.

Wie Auszeiten funktionieren

Berücksichtigen Sie das Alter Ihres Kindes

Auszeiten sind bei Kindern im Alter von etwa 18-24 Monaten bis ca. fünf Jahren sinnvoll. Auch wenn jedes Kind anders ist, begreifen kleinere Kinder die Methode noch nicht, und bei älteren Kindern führen erst raffiniertere Methoden zum gewünschten Verhalten.

Seien Sie bei der Umsetzung von Regeln konsequent

Während der Auszeit findet keinerlei Kommunikation zwischen dem Elternteil bzw. der Aufsichtsperson und dem Kindstatt. Die Auszeit ist als eine abgeschwächte Form von Isolation zu verstehen. Damit bringen Sie zum Ausdruck: „Wenn du das tust, gehörst du nicht dazu. (…)“

 

Viele Leute vertreten immer noch die Meinung, ein Kind müsse erzogen werden.

Vor einigen Jahren schickte noch TV-Nanny Katja Saalfrank nicht gehorsame Kinder regelmäßig auf der „stillen Treppe“ in die Auszeit. Heute weiß sie es besser und setzt nun auf BE-ziehung statt ER-ziehung!


Beziehung, Bindung, Begleitung und bedürfnisorientiertes Handeln an Stelle von Erziehung, Strafe und Gehorsam!

Und das mit gutem Grund!

Warum Methoden wie die von Pampers empfohlene Auszeit gleichzusetzen mit psychischer Gewalt und im Sinne einer guten Beziehung zu seinen Kindern strikt abzulehnen ist:

  • Gesetzliche Grundlage ist der §1631 BGB. Er regelt das Recht auf gewaltfreie Erziehung von Kindern. Dies umfasst nicht nur die körperliche Züchtigung, sondern auch seelische und andere entwürdigende erzieherische Maßnahmen.
  • Umfangreiche Studien haben ergeben, dass Bestrafung (ebenso übrigens Belohnung!) ein Instrument von Kontrolle und Ausdruck von bedingter Liebe ist und dem Kind vermitteln, dass es nur geliebt wird, wenn es uns gefällt und/oder beeindruckt; sprich es soll nach unseren Wünschen und Vorstellungen funktionieren.
  • Strafe ist gleichzusetzen mit Machtmissbrauch und verliert mit der Zeit an Wirkung. Sie lenkt vom ursprünglichen Auslöser, der zum in unseren Augen unerwünschten Verhalten geführt hat, ab. Was bleiben sind Schmerz und Demütigung. Reflexion, Empathie und Achtsamkeit im Hinblick auf die Grenzen anderer Menschen, aber auch der des Kindes, können dadurch nicht gelernt werden!
  • Isolation wirkt bei einem Kleinkind wie Liebesentzug. Durch eine Isolation können bei so kleinen Kindern Urängste ausgelöst werden, da diese nahezu bis vollständig von der Fürsorge, Nähe und dem Schutz des Erwachsenen abhängig sind. Sind diese nicht mehr gesichert, sieht das Kind dadurch eine Bedrohung für sein Leben. (Bedenke, dass es diese Schutzmechanismen aus gutem Grund gibt und evolutionäre Hintergründe haben!)
  • Erziehung im Allgemeinen und insbesondere Strafen vermitteln dem Kind, dass etwas mit ihm nicht stimmt und es nicht „richtig“ ist, so wie es ist: Sein Verhalten ist falsch und muss korrigiert werden. Bedingungslose Liebe dagegen bedeutet das Kind zu lieben und so anzunehmen, wie es ist. Was es nicht bedeutet, ist, dass man jegliches Verhalten, also auch negatives, gutheißen soll oder muss.
  • Das Ignorieren und Ausgrenzen des Kindes ist gleichbedeutend mit das Kind in seiner Situation, seinen Gefühlen, Bedürfnissen und Ängsten alleine lassen und diese nicht wahrzunehmen bzw. abzulehnen. Dabei ist das (negative) Verhalten des Kindes nur Ausdruck seiner Notlage und Verzweiflung, die es vielleicht noch nicht in Worte zu fassen vermag.
  • Durch Strafen wird das Kind (noch mehr) verletzt und erniedrigt. Kinder möchten gesehen werden, mit all ihren Gefühlen angenommen, geliebt und begleitet werden. Gefühle müssen ausgelebt werden dürfen! Eltern sollten helfen, ihrem Kind Zugang zu seinen Gefühlen zu verschaffen und diese zu verbalisieren.
  • Desweiteren sollten Eltern versuchen herauszufinden und zu verstehen, was hinter diesem Verhalten steckt und eine mögliche gemeinsame Lösung oder einen Kompromiss mit dem Kind zu finden. Denn Bedürfnisse wollen befriedigt und Grenzen gewahrt werden – sowohl die des Kindes als auch die eigenen!
  • Mit dem Kind als Eltern in Beziehung zu bleiben – möglichst in körperlicher Nähe – und es in seinen Gefühlen wie etwa Wut, Trauer, Enttäuschung etc. zu begleiten und es nicht alleine lassen, ihm Zugang zu seinen eigenen Gefühlen verschaffen und diese auzusleben und zu verbalisieren sollte unbedingtes Bestreben sein.
  • Die Integrität des Kindes wird dadurch verletzt, indem ihm der eigene Wille aufgezwingt wird. Eltern sollten sich stets ihre langfristigen Ziele in der Beziehung zu ihrem Kind vor Augen halten und ihr Verhalten auch – und gerade dann – danach ausrichten: Ziele wie etwa Liebe, Nähe, Respekt und Vertrauen!

 

Ich wünsche mir, dass Eltern einen guten Weg finden im Miteinander mit ihren Kindern und sie diese auch in herausfordernden Siuationen ohne Anwendung psychischer oder physischer Gewalt begleiten können.

 

Wenn du mehr über das Leben mit Kindern jenseits von Erziehung und Strafe erfahren und lernen möchtest, lege ich dir unbedingt folgende Bücher ans Herz:

„Liebe und Eigenständigkeit“ (Alfie Kohn)

„Geborgen wachsen“ (Susanne Mierau)

„Was Kinder brauchen“ (Katharina Saalfrank)

„Du bist ok, so wie du bist“ (Katharina Saalfrank)

„Achtsame Kommunikation mit Kindern“ (Daniel Siegel)

„Dein kompetentes Kind“ (Jesper Juul)

„Grenzen, Nähe, Respekt“ (Jesper Juul)

„artgerecht“ (Nicola Schmidt)

„Menschenkinder: Artgerechte Erziehung“ (Herbert Renz-Polster)

„Das gewünschteste Wunschkind treibt mich in den Wahnsinn“ (Danielle Graf)

 

(Titelbild: Canva)

4 Comments

  • angelika November 22, 2016 at 10:02 am

    What is there in English to read about this topic?
    And please let ins know how the right way is to do it!??
    I know about all this what you wrote but how do I avoid it?

    Reply
    • HEY LOVE November 22, 2016 at 9:40 pm

      Hello Angelika,
      thanks for your comment. Wonderful, that you are searching for „good alternatives“. Maybe you could start with this topic by first reading the following book:
      „Attachment Parenting: Instinctive Care for Your Baby and Young Child“ (Amazon)
      It is more a way of life with children than a „how to treat“ or „if it does A, than solution B“. What I wan´t to say: Try to look what are the needs of the child behind the (unwanted) behavior of him/her <3
      Could I help you?
      Greetings, Anne

      Reply
  • Sarah Dezember 13, 2016 at 2:51 pm

    Hi Anne,

    ich danke dir für diesen Beitrag! Er spricht mich vor allem deswegen sehr an, weil ich in meinem Umfeld leider viele Eltern kenne, die die „Auszeit“ als super effektives Mittel einsetzen und das macht mir sehr traurig. Gibt es eine Möglichkeit diesen Beitrag auf Facebook zu teilen oder möchtest du das lieber nicht?
    Liebe Grüße,
    Sarah

    Reply
    • HEY LOVE Dezember 13, 2016 at 8:43 pm

      Hallo Sarah,

      danke für deinen Kommentar 🙂 Klar darfst du den Artikel sehr gerne teilen, dafür gibt´s ja extra am Ende des Beitrags den Facebook-Button 😉 Ich danke dir!

      LG Anne

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