Was ist eigentlich „unerzogen“ mit Kindern leben – und was hat dies mit Grenzen, Regeln und Empathie zu tun?

Zu meinem heutigen Eintrag hat mich der Beitrag einer Mama zum Thema Kinder und Erziehung gebracht.

Darin schilderte die Mutter das Verhalten ihres Kleinkindes in der Trotzphase- Autonomiephase und fragte, ob dies noch normal sei, weil es beispielsweise bei der Verrichtung alltäglicher Hausarbeiten durch die Mutter starke „Trotz“-Reaktionen zeigte. Sie frage sich, ob sie als Eltern vielleicht in der Erziehung versagt hätten.

Ich schilderte ihr, dass mein Kleinkind momentan ein ähnliches Verhalten habe und dies völlig normal sei in diesem Alter und es kein Versagen ihrer Erziehung sei und wenn dann vielleicht eher an Erziehung überhaupt läge. So brachte ich das Wort „unerzogen“, also die Abwesenheit von Erziehung, ins Spiel. Und schwupps, befanden wir uns mitten in einer Diskussion um das Thema „unerzogen“ 🙂

Ich möchte euch gerne an diesem Dialog teilhaben lassen, um euch das Thema dieser sogennnten Antipädagogik ein wenig zu beleuchten, da sich tatsächlich die meisten Eltern schlichtweg nichts darunter vorstellen können und es scheinbar sehr oft mit „laissez-faire“ verwechselt wird.
Dabei ist unerzogen viel mehr und für mich persönlich die logische Folge auf eine Beziehung zu meinen Kindern, die vor allem auf Liebe und Respekt füreinander gebaut sein soll.


Unerzogen/Abwesenheit von Erziehung

Die Reaktion einer weiteren Mutter zum obigen Thema war, ob dies nicht theoretische Haarklauberei sei. Es sei ja nett, es sich ein bisschen durchzulesen und auch schön, Verständnis für das Kleinkind als narzisstisches Individuum aufbringen zu können, habe aber für sie mit der praktischen Durchführung nichts zu tun. Alleine der Ausspruch „Beziehung statt Erziehung“ wiederspreche sich für sie in keinster Weise, es käme aber natürlich darauf an, wie man Erziehung definiere.
Sie sehe allerdings auch, wozu eine derartige „Nichterziehung“ bei manchen Kindern führen könne: Eine Kind in ihrem Bekanntenkreis habe kein Empathieverhalten erlernt und sehe sich selbst immer noch als Mittelpunkt der Welt. Für sie würde ein Kind ohne Grenzen und Regeln niemals zu einem positiven Mitglied unserer Gesellschaft werden.
Dass man diese Grenzen nicht mit Gewalt und Härte, sondern mit Einfühlungsvermögen durchsetze, verstehe sich dabei von selbst.

Ich antwortete darauf:

„Ich habe früher auch so ähnlich gedacht, als ich noch keine Kinder hatte. Ich denke man kann niemanden überzeugen, der nicht selber offen ist, einen Schritt weiter zu denken, sich und sein Verhalten selbst zu reflektieren. Dennoch will ich gerne versuchen, dir auf deinen Kommentar zu antworten.

Vielleicht wäre es wirklich nötig zu definieren, was du unter Erziehung verstehst und wichtiger noch: was du unter unerzogen verstehst. Ich habe das Gefühl, du verwechselst unerzogen mit laissez-faire, da du unerzogen als grenzen- und regellos betrachtest – und das ist unerzogen nicht.
Auch bei unerzogen gibt es Regeln und Grenzen. Allerdings dienen diese dabei nicht zur Einschränkung des Individuums, sondern nur zum Schutz von Individuen. Ich denke schon, dass Kinder Grenzen und Regeln brauchen, ich bin aber davon überzeugt, dass sie diese nicht durch Erziehung kennen und respektieren lernen, sondern durch Vorbilder und vorleben und dadurch, dass auch ihre eigenen Grenzen und Regeln beachtet und respektiert werden!

Glaubst du wirklich, dass man Empathie anerziehen kann?! Ich frage mich immer wieder, ob Eltern wirklich denken, dass ihre Kinder ohne ihr erzieherisches zutun asoziale, vielleicht sogar „böse“ Wesen wären? Bei einer Grenzen- und Regellosigkeit kann ich mir schon vorstellen, dass unempathische Kinder das Ergebnis sein können. Ich glaube, dass unempathische Kinder, wenn überhaupt von irgendwas, dann allerhöchstens das Ergebnis von seelischer oder körperlicher Gewalt sind. Wenn ein Kind derart unempathisch ist, war da vielleicht schlichtweg zu wenig Beziehung; es wurde keine Gleichwertigkeit vermittelt. Empathie sollte nicht mit Unterordnung und Selbstaufgabe verwechselt werden und auch ich bin der Mittelpunkt meiner Welt 😉

Davon abgesehen: Narzissmus ist eine Persönlichkeitsstörung und in diesem Zusammenhang absolut unangebracht. Die anfängliche Ich-Bezogenheit von Kindern ist keine Störung, sondern ein überlebenswichtiger Instinkt. Zumal es zunächst nur um die Erfüllung von Grundbedürfnissen geht.

Und zuletzt: Kinder sind schon doch schon wer. Und zwar gleichwertige Menschen – und so sind sie anzunehmen und zu lieben. Und nicht um sie so zu verändern wie sie die Gesellschaft gerne hätte oder braucht…“


Unerzogen – was ist das eigentlich?

Wie oben bereits erwähnt, bedeutet unerzogen sozusagen die Abwesenheit von Erziehung. Erziehung ist im Wesentlichen vor allem eines: undemokratisch und manipulativ, denn es geht vor allem darum, ein bestimmtes gewünschtes Verhalten von Kindern zu erzielen. Im Prinzip ist es nichts anderes als eine Art Konditionierung, wie man sie auch bei dressierten Tieren anwendet, denn genau dort hat Konditionierung ihren Urspung!

Die Alternative zu Erziehung ist Kinder als gleichwertige Individuen an zu erkennen und zu behandeln. Dabei findet ein respektvoller und bedürfnisorientierter Umgang auf Augenhöhe statt, indem eine gute, gleichwürdige Beziehung zueinander an oberster Stelle steht.

Es wird davon ausgegangen, dass ein Kind bereits als vollständiger Mensch zur Welt kommt und nicht etwa „falsch“ ist und durch Erziehung korrigiert werden muss. Da es in der Natur von Kindern liegt, „kooperieren zu wollen“ (siehe Jesper Juul), ist die Ausübung von Macht – auch körperlicher – nicht notwendig, damit Kinder „gehorchen“. Dazu gibt es sogar umfangreiche fundierte Analysen und Erfahrungen, beispielsweise von Alfie Kohn und Herbert Renz-Polster und eben Jesper Juul (siehe auch meine Buchempfehlungen in diesem Beitrag (klick) Die von mir gelesenen Bücher von Kohn und Juul haben mir tatsächlich eine völlig neue Sichtweise ermöglicht, zumal sie sich auch auf wissenschaftliche Studien beziehen).


Unerzogener Ansatz

Um abschließend noch einmal kurz auf die ganz zu Anfang des Posts beschriebene Situation mit „Trotz-„Anfällen zurückzukommen: Der Ansatz wäre hier zum Bespiel, sich als Eltern zu fragen, was zu diesem Verhalten des Kindes geführt haben – oder genauer gesagt: welches kindliche Bedürfnis dahinter stecken könnte.
Meist ist der Auslöser, dass das Kind etwas eigenbestimmt und selbstständig machen oder entscheiden möchte („Ich!“), Zeit mit jemandem einfordert oder miteinbezogen/mithelfen möchte. Oder es ist schlichtweg müde (und ihm ist das in dieser Situation oft selbst gar nicht bewusst) und/oder es sucht körperliche Nähe.
Kinder zeigen jedenfalls ein solches Verhalten nie mit der Absicht, uns zu ärgern. Je mehr Geduld und Einfühlungsvermögen man dem Kind entgegenbringt, desto seltener wird es in der Regel zu solchen Reaktionen kommen… denn Kinder sind ein Spiegel unserer selbst. 🙂

 

Kennt (und lebt) ihr bereits mit euren Kindern „unerzogen“? Mit welchen Vorurteilen kamt ihr dabei in Kontakt und wie geht ihr damit um? Ich freue mich auf eure Erfahrungen <3

 

Edit: Wow, so viel Resonanz! Vielen Dank für das fleißige Aufrufen, Teilen und Kommentieren dieses Artikels in verschiedenen Netzwerken, der Artikel wurde seit Erscheinen bereits 1.300 Mal aufgerufen! 

5 Comments

  • Berufung Mami Dezember 11, 2016 at 6:21 pm

    Liebe Anne, instinktiv lebe ich mit unserem Sohn unerzogen. Ich habe ich nie wirklich in die Thematik reingelesen, aber das, was Du beschreibst ist meine Vorgehensweise und ebenfalls meine Sicht der Dinge. Immer wieder schön zu sehen, dass mehr und mehr Menschen „aufwachen“ und sich abkapseln von der Norm, die in eine vorgelebte Richtung marschiert, weil man da immer schon langgelaufen ist. Schön, Deinen Blog gefunden zu haben. Freue mich auf mehr von Dir! Deine Jenniffer

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    • HEY LOVE Dezember 11, 2016 at 11:15 pm

      Vielen Dank liebe Jenniffer. Ich lebe auch instinktiv von Geburt an „bedürfnisorientiert“ und habe begonnen alles zu hinterfragen, vor allem wenn die Gesellschaft oder Ärzte einem etwas anderes sagen als mein Gefühl. Etwas später habe ich dann von Themen wie Familienbett, Attachment Parenting, (…) und unerzogen gehört. Einzig der Begriff „unerzogen“ als solcher ist, so hat sich herausgestellt, sehr polarisierend und sorgt für Diskussionen, da sich scheinbar viele schwer damit tun, das Wort Erziehung abzulegen und ihn somit missverstehen und die eigentliche Botschaft dahinter nicht erkennen. Denn für mich ist es einfach eine Art Lebenseinstellung, egal welcher Begriff dahinter steckt.

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  • Kerstin Dezember 14, 2016 at 1:22 pm

    Liebe Anne, auch ich versuche, meinen Kindern stets auf Augenhöhe zu begegnen. Alles andere fühlt sich für mich falsch an. Meine Kinder sehe ich als Spiegel, und meine Reaktionen auf bestimmte „Trigger“ nehme ich stets zum Anlass, genauer bei mir hinzusehen. Ich finde es nicht einfach, unerzogen zu leben in dieser Gesellschaft. Jeder Tag birgt neue Herausforderungen und nicht immer finde ich befriedigende Lösungen für alle Beteiligten. Aber auch wir sind auf dem Weg… ich danke Dir für den schönen Artikel, liebe Grüße von Kerstin

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    • HEY LOVE Dezember 14, 2016 at 7:53 pm

      Liebe Kerstin,
      vielen Dank für deine Worte. Ich sehe Eltern sein als einen Lernprozess, bei dem vor allem wir Erwachsenen sehr viel von unseren Kindern lernen können 🙂 Wenn wir bereit sind, uns zu öffnen und uns darauf einzulassen, Dinge zu hinterfragen und zu reflektieren.
      Liebe Grüße
      Anne

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  • Urinstinkt Dezember 15, 2016 at 11:19 am

    Liebe Anne , auch wir leben in Beziehung statt zu ERziehen. Es ist so schön diese Entwicklung zu verfolgen, auch was es mit einem selbst macht. Danke für diesen tollen Beitrag <3-liche Grüsse

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